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Die Überlegenheit des Bleistifts...
Eine kleine Geschichte der Stenografie, die nicht so verstaubt ist wie ihr Image
Von Christine Herner (aus: Wiener Zeitung, 20. Mai 1998)
Noch immer gibt es sie, die Stenografie, wenngleich sie ein recht kümmerliches Dasein fristet. Aus ihren einstigen Hochburgen, den Büros und Gerichtssälen, ist sie zwar nicht ganz verschwunden, aber sie ist entbehrlich geworden. Und in den Lehrplänen der berufsbildenden Schulen wird sie immer mehr zurückgedrängt, Schüler wollen kaum noch die Mühe auf sich nehmen, eine Fertigkeit zu erlernen, die in unserer hoch technisierten Zeit mit Diktiergeräten, Tonbändern und Computern anscheinend überflüssig geworden ist.
Tatsächlich aber kann die Stenografie dem, der sie beherrscht, großen Nutzen bringen, und auch heute noch gibt es ein Feld, auf dem sie gar unersetzbar ist: im Parlament.
Martin Springinklee, Leiter der betrieblichen Altersversorgung bei der OMV, ärgert sich: Einem Gesprächspartner schildert er einen komplizierten Sachverhalt, dabei unterbricht ihn dieser immer wieder: "Moment, Moment, könnten Sie das nochmal wiederholen?"
Wäre der Mitschreiber der Kurzschrift mächtig, müsste er nicht ständig den Denk und Redefluss des Sprechenden bremsen.
Gerade da kann die Stenografie als Konzept- und Notizschrift gute Dienste leisten. Wer schnell mitschreibt, hat mehr Zeit zum Denken, in punkto Effizienz ein großer Pluspunkt, meint Martin Springinklee. Neben seiner Tätigkeit in der Wirtschaft ist er auch Zweiter Vorsitzender des Österreichischen Stenografenverbandes (Anm. d. Red.: Stand Mai 1998).
Er ist einer der zirka drei österreichischen Spitzen-Schnellschreiber und mit einer Bestleistung von 400 Silben pro Minute derzeit Österreichs erfolgreichster Vertreter bei internationalen Wettkämpfen und Weltmeisterschaften. Die besten deutschsprachigen Stenografen schreiben sogar 475 Silben pro Minute, das ist also etwa das Doppelte der normalen Sprechgeschwindigkeit, die bei zirka 240 Silben pro Minute liegt.
Wenn Geschwindigkeit im Denken, Handeln, Entscheiden derart zum Markenzeichen einer Epoche geworden ist, dann hält es Martin Springinklee nur für folgerichtig, dass auch das schnelle Schreiben per Stenografie wieder aufgewertet wird.
Oft sind die Redner, die sich Zeit lassen, die nachdenken beim Sprechen, inhaltlich wesentlich wertvoller, als die Viel- und Schnellsprecher. Dennoch muss man in der Lage sein, auch diese Schnellsprecher dingfest zu machen, indem man sich eben wichtige Informationen rasch notiert, um dann einhaken zu können.
Das Abkürzen der Schrift hat eine lange Geschichte, die bis in vorchristliche Zeiten zurückreicht. Bei Inschriften auf Münzen und Steinen war dies schon eine Frage des Raums. Doch die erste systematisch entwickelte Kurzschrift verdanken wir einem Römer. Als die untergehende Republik in inneren Kämpfen lag, lebte im Hause Ciceros (106 bis 43 v. Chr.), des berühmten Redners, Schriftstellers und Politikers, ein sprachbegabter Sklave, der auch Ciceros Freund und Geheimsekretär war und dessen gesammelte Werke herausgab: Marcus Tullius Tiro.
Wohl um dem vielen Ciceronischen - Schreibkram besser Herr zu werden, erfand Tiro die nach ihm benannten - Tironischen Noten ; sie galten nach und nach als höhere Schreibkunst (ars notaria) und wurden fleißig genutzt; sogar Julius Cäsar soll sie beherrscht haben.
Der griechische Historiker Plutarch (um 50 bis 124 n. Chr.) berichtet uns, bei welcher Gelegenheit Tiros Schrift die Feuerprobe bestand: Cicero, damals Konsul, erfuhr am 5. Dezember 63 v. Chr., dass Cato der Jüngere an diesem Tag eine scharfe Rede gegen den Staatsfeind Nummer eins, den Verschwörer Catilina zu halten beabsichtigte; diese Rede wollte er - schwarz auf weiß . Also verteilte er mehrere Senatoren, die die neuen Zeichen bereits gelernt hatten, im Senat, und deren Hände - stenografierten (stenos = griech. eng) mit spitzen Metallgriffeln auf wachsbezogenen Holztafeln mit. Dabei wechselten sich die Schreiber, genau wie heute in den Parlamenten, in Runden ab.
Noch während des 9. Jahrhunderts wurden die Tironischen Noten in den Kanzleien der Merowinger und Karolinger eifrigst angewandt. Doch dann verschwanden sie fast ganz von der Bildfläche. Der Grund: Im 10. und 11. Jahrhundert vollzog sich in der westeuropäischen Kultur eine große Wandlung. Die noch heute bestehenden Nationen begannen sich herauszubilden, und die Volkssprachen verdrängten das Lateinische immer mehr, mit dem die Noten aber auf Gedeih und Verderb verknüpft waren.
Zwischen dem 12. und 16. Jahrhundert behalfen sich die mittelalterlichen - Geschwindschreiber sie schrieben normale Langschrift mit ausgefuchsten Kürzungen. Die Handschriften aus dieser Zeit sind voll davon, und man benötigte umfangreiche Verzeichnisse, allein um die Kürzungen zu erklären.
Erst mit der Erfindung des Buchdrucks im 16. Jahrhundert war die Grundlage für eine Kurzschrift der Neuzeit gegeben. Zum Glück, denn hätte nicht 1588 der schottische Landarzt Timothy Bright das erste von vielen englischen Kurzschriftsystemen verfasst, nämlich die Kunst mittels Zeichen (characters), kurz, schnell und geheim zu schreiben, so wären wir heute um einige Shakespeare-Dramen ärmer. Denn im 16. Jahrhundert gab es noch keinen Urheberschutz, und William Shakespeare, der geistigen Diebstahl befürchtete, war an einer Veröffentlichung seiner Texte nicht interessiert. So wurden immer wieder Aufführungen mitgeschrieben, und daraus erklärt sich vermutlich, warum es im Text alter Shakespeare-Ausgaben so manche Unstimmigkeiten gibt.
Erst 200 Jahre nach England zeigten sich Steno-Anfänge in deutschen Landen, verschiedene Kurzschriftsysteme entstanden, aufbauend auf den geometrischen englischen Systemen. Franz Xaver Gabelsberger (1789 bis 1849) verdanken wir die erste sogenannte kursive Kurzschrift, viel flüssiger zu schreiben, als die unhandlichen geometrischen Systeme mit ihren Ecken und Winkeln; er entwickelte sie nämlich aus der gewöhnlichen Schreibschrift heraus. Er hatte übrigens die Tironischen Noten sehr aufmerksam studiert und sogar eine ganze Reihe ihrer Zeichen übernommen, denn er glaubte: Wer Meister werden will in der Redezeichenkunst, muss zu den Römern in die Schule gehen.
Gabelsberger wurde 1819 zum ersten königlich bayerischen Parlamentsstenographen ernannt und gilt als wichtigster Urvater der Deutschen Einheitskurzschrift (DEK) von 1924, die in der Überarbeitung noch immer gültig ist, auch in Österreich.
Um die Jahrhundertwende bis in die zwanziger und dreißiger Jahre erlebte die Kurzschrift eine einzigartige Blütezeit, ja sie wurde beinahe zum Volkssport, viele Anhänger schrieben ihre gesamte Korrespondenz in Steno, ja sogar Liebesbriefe oder Feldpost. Im neuen demokratischen Zeitalter begleitete sie das aufblühende Vereinsleben und die studentischen Burschenschaften, Frauen drängten als Stenotypistinnen in die Büros, Gelehrte verwendeten sie als Arbeits- und Konzeptschrift.
Und heute? Zumindest ein Reservat, in dem sie sich vollständig erhalten hat, gibt es noch: die Politik. Denn trotz allen technischen Fortschritts hat sich eines längst erwiesen: Steno ist als Mittel der Protokollierung von Sitzungen, Ausschüssen, Debatten unverzichtbar.
Frau Dr. Gradischnik-Schanner ist die Leiterin des 15-köpfigen Stenografenbüros im Wiener Parlament und ihren Beruf hat sie Anfang der siebziger Jahre von der Pike auf gelernt. Damals herrschte wirtschaftliche Hochkonjunktur und kaum jemand wollte Stenograf im Bundesdienst werden, da man sehr wenig verdiente. Dr. Gradischnik hat sich dennoch für diesen Beruf entschieden, der sich nun in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit als sehr krisensicher erweist. Denn der Nachwuchsmangel an verhandlungstauglichen Stenografen in Deutschland wie in Österreich, aber auch in anderen europäischen Ländern, ist in den vergangenen Jahren teils dramatisch geworden. Erst seit Ende 1996 ist speziell im Wiener Parlament ein neuer Trend zu verzeichnen: Dr. Gradischnik-Schanner setzte, um dem Mangel Abhilfe zu schaffen, ein Inserat in die Zeitung, gesucht waren Leute mit guter Allgemeinbildung, Matura und/oder Studienabschluss und einem ausgezeichneten Deutsch. Das Echo war überwältigend, zweifellos angesichts der schwierigen Situation auf dem Arbeitsmarkt.
Die Leiterin des Stenografenbüros erklärt, warum ihrem interessanten Beruf zu Unrecht der Ruch des Verstaubten anhaftet: Unsere Produkte sind Protokolle von Sitzungen des Nationalrates, des Bundesrates, auszugsweise Darstellungen von Sitzungen des Hauptausschusses, von Ausschüssen, von diversen Unterausschüssen. Ja, wenn Sie wollen, wir betrachten uns eigentlich als ein kleines Unternehmen, das laufend Produkte produziert, möglichst präzise und möglichst schnell. Und voll computerisiert ist ihr Büro natürlich auch längst. Wir sind seit Jänner 1996 mit einem Großteil unserer Produkte im Internet, für jeden interessierten Staatsbürger abrufbar. Die Frage, warum man ihren Berufsstand angesichts der Technisierung überhaupt noch braucht, wird den Stenografen immer wieder gestellt. Die Antwort ist kurz und einleuchtend: die Technik, also ein Tonband (das nur zur Kontrolle mitläuft) besitzt kein selektives Gehör.
Martin Springinklee, früher auch als Parlamentsstenograf tätig: Man hat mit verschiedensten Mikrofonen und anderen technischen Einrichtungen versucht, die Zwischenrufe wirklich exakt festzuhalten, aber eines ist nach wie vor nicht möglich: Man muss auch klarlegen, wer den Zwischenruf gemacht hat, und das ginge nur in Verbindung mit Videoaufnahmen und wäre mit einem sehr großen technischen Aufwand verbunden. Ohne diese Zusatzinformation des Zwischenrufes wäre die Rede in vielen Teilen gar nicht verständlich und würde sinnlos erscheinen, denn der Redner geht sehr oft auf die Zwischenrufer ein, ändert sein Manuskript ab oder macht einen Exkurs. Aber nicht nur Zwischenrufe, Gelächter, Buhs oder Beifallklatschen müssen notiert werden, sondern auch optische Eindrücke, etwa wenn eine Fraktion aus Protest den Saal verlässt, oder wenn Abgeordnete Schilder vor dem Platz stehen haben oder Flugzettel von der Galerie werfen. Dr.Gradischnik-Schanner: Ich kann mich daran erinnern, dass Abgeordnete mit Blumentöpfen in den Plenarsaal kamen, um auf irgendeinen Aspekt in der Umweltpolitik aufmerksam zu machen, oder z.B. in der Lucona-Affäre, da sind Abgeordnete der Grünen mit einer Udo-Proksch-Maske verkleidet im Sitzungssaal aufgetaucht. Oder wenn eine Abgeordnete ihr Kind da drinnen stillt, das ist alles schon vorgekommen und muss notiert werden. Die Stenografen lösen einander in meist 10-minütigen Schreibrunden ab und überarbeiten den Text unmittelbar nach der Niederschrift, so dass er per Phonotypie in einen Computer getippt werden kann und bereits eine Stunde nach Niederschrift fertig ausgedruckt vorliegt. Die Überarbeitung des Redetextes ist vielleicht die schwierigste Aufgabe des Stenografen: er muss das frei gesprochene Wort in ein stilistisch einwandfreies Deutsch verwandeln. Auch wenn so mancher Abgeordnete mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß steht (Sie setzen einfach eine Tatsache und lassen darüber tatsächlich Tausende Autos fahren! Ich habe an der Universitätsklinik schon mit zwei Jahren Hauptdienst gemacht.), muss der Stenograf dies ausbügeln, ohne jedoch die politische Aussage zu verfälschen und ohne die persönliche Note des Redners zu zerstören. Ein sprachliches Fingerspitzengefühl ist hierzu notwendig, das kein technisches Instrument ersetzen kann.
Auch nicht die Stenografiermaschine. Es gibt sie schon seit Ende des vergangenen Jahrhunderts, doch im deutschsprachigen Raum hatte sie sich nie wirklich durchsetzen können, im Gegensatz etwa zu den USA. Doch zeichnet sich auch hier ein neuer Trend ab, wie Martin Springinklee weiß: In Österreich noch nicht, aber in deutschen Parlamenten und Landtagen, etwa im Leipziger Stadtsenat, ist das schon seit einigen Jahren ein immer erfolgreicherer Zweig der Stenografie. Bei diesen Maschinen wird jedes Zeichen über eine Tastatur eingegeben und von einem Wörterbuch im PC sofort in Langschrift übersetzt. Wenn eine Rede mit dieser Maschine aufgezeichnet wird, kann sie Sekunden später schon im Druck erscheinen. Das Korrigieren und Redigieren freilich bleibt nach wie vor Aufgabe des Menschen. Diese Stenografiermaschinen wurden anfangs sehr skeptisch beurteilt. Mittlerweile ist der Rekord in deutscher Sprache bei 400 Silben pro Minute und es scheint durchaus möglich, dass auch die Spitzengeschwindigkeiten der Handstenografen mit dieser Stenografiermaschine erreicht werden können. Da tun sich also ganz interessante Möglichkeiten auf. Werden die Stenografen des 21. Jahrhunderts nur noch auf solchen Maschinen stenografieren? Dr. Gradischnik-Schanner hält es für denkbar; etwa auch in Frankreich haben sie sich schon weitgehend durchgesetzt, wie sie immer wieder beobachtet.
Doch hier im Lande regiert noch der Bleistift. Und nicht nur eine allgemein verschlechterte Kenntnis der deutschen Sprache schreckt viele vom Erlernen der Kurzschrift ab, sondern auch gerade jene Zeitnot, gegen die sie ein Hilfsmittel ist.
Wer nun, allem Zeitgeist zuwider, dennoch Lust hat, Steno zu lernen (sei es in der Volkshochschule, beim Stenografenverband oder an berufsbildenden Schulen), der rufe vertrauensvoll den heiligen Cassian von Imola um Hilfe an. Denn wie es sich für ein Handwerk gehört, haben auch die Stenografen ihren Schutzpatron. Cassian von Imola war Noten-Lehrer im alten Rom und wurde während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian 303 n.Chr. von seinen Schülern erstochen. Und zwar mit Griffeln.
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